Heute vor einem Jahr ist Diego Armando Maradona gestorben. Heute vor einem Monat sind der toolmaker und ich nach Neapel gefahren. Und in Neapel müsste man sich schon ziemlich anstrengen, um eine Begegnung mit dem Fußballgott zu vermeiden. Nicht, dass wir das gewollt hätten. Denn wenn wir das gewollt hätten, dann hätten wir wohl kaum ins Stadion gehen dürfen – das inzwischen nach ihm benannt ist.

Von Maradonas Bedeutung für Neapel habe ich zu wenig Ahnung, um irgendetwas Profundes beizutragen. Deutlich erkennbar ist sie aber, da muss man nur mit offenen Augen durch diese ganz wunderbare Stadt gehen. Ich habe mir das immer so zusammengereimt: Italien, der Norden relativ wohlhabend, der Süden arm, Abwanderung, Gefühle der Minderwertigkeit, verletzter Stolz, und dann kommt Maradona an und schenkt den Neapolitaner:innen ihre erste italienische Meisterschaft, den ersten Scudetto überhaupt für eine Mannschaft aus dem Süden (plus den Pokal plus noch eine Meisterschaft plus den UEFA-Pokal), und bei der großen Bedeutung, die dem Fußballsport in Bella Italia beigemessen wird, kann man sich durchaus vorstellen, dass die Verehrung für Maradona in Neapel ein ‚vernünftiges‘ Maß übersteigt – was wahrscheinlich noch viel zu vorsichtig formuliert ist. (Und man kann sich ebenso gut vorstellen, dass diese Verehrung eine Menge blinder Flecken hinsichtlich seines kriminellen Gebarens, seiner Übergriffigkeiten, seiner Verstrickungen, seiner Exzesse hinterlassen hat.)

    

        

  

 

SSC Napoli – Bologna FC 3:0
Stadio Diego Armando Maradona, 28. Oktober 2021
Zuschauer: ca. 19.000

So, und jetzt ins Stadion. Nach einem komplizierten Kartendeal, einer hervorragenden Straßenpizza (die so hervorragend war, dass es noch eine zweite gab) und einem Peroni für 80 Eurocent waren wir viel zu früh dort. Diego war allgegenwärtig und mit ihm die grausige österreichische Band Opus: Aufwärmen in München, ganz runterscrollen, geiles Video. Das haben wir uns begeistert angesehen. Hinterher gabs noch fünf(!!!!!) Mal Live is Life ohne Video, und da wären wir sogar fast durchgedreht, allerdings nicht vor Freude.

Begeisterung kam leider auch in der Folge nicht mehr auf, weil: Wenig los für ein Spiel des Spitzenreiters der Serie A, kaum Support, schlechte Sicht, zwei Elfmeter, keine Gegenwehr aus Bologna, ungefährdeter Sieg. Es plätscherte und irgendwann war es vorbei; doch bevor wir richtig enttäuscht sein konnten, hatten wir ganz andere Probleme, denn es fuhr keine Bahn mehr in die Stadt zurück, wieso auch, ist ja nur Fußball. Dafür bekamen wir nach einigem Hin und Her noch eine kleine Stadtrundfahrt in einem nicht gerade Corona-konform besetzten Bus. Nicht schlecht, so wie es auch nicht schlecht war, im Stadion gewesen zu sein – aber so richtig gut war es eben auch nicht.

   

  

         

  

 

Da gefiel es mir ein paar Tage später in der vierten Liga schon besser. Ist wahrscheinlich so ein Persönlichkeitsding: Die Unterklasse als natürliches Habitat.

Sorrento Calcio – San Giorgio 1926 3:1
Stadio Italia, 31. Oktober 2021
Zuschauer: ca. 200

Es gab ein richtiges Ticket und keinen ausgedruckten Fetzen, es gab Stahlrohrtribünen und schöne Ausblicke, es gab hautnahe Action auf dem Feld und Ultra-Support hinterm Tor – Ultra-Support vom Feinsten. Ja, bei diesem Spiel hab ich zum ersten Mal begriffen, was diese Kultur für die Ragazzi so besonders macht. Darüber nachgedacht und rational zu erfassen versucht hab ich das schon oft, aber gespürt habe ich es erst, als ich den ca. 20 Sorrento-Ultras bei ihrer Arbeit zusah – die bei ihnen eben nicht nach Arbeit aussah. Die hatten einfach Spaß. Sie sangen gern und sie sangen gut, sie lachten und sie grinsten und sie stupsten sich an und sie hüpften vor Freude. Sie schwiegen gelegentlich. Sie mussten niemandem etwas beweisen. Sie legten sich die Hände auf die Schultern, sie drehten sich gegenseitig Zigaretten, sie waren Genossen und sie waren Freunde.

Bravissimo!

  

     

     

  

 

Ob Maradona jemals in Sorrent war? Ich will doch hoffen. Es ist schön da, und man kann wunderbar mit dem Zug hinfahren.

     

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Grazie mille an den toolmaker fürs Beisteuern von Bildern.

 

Napoli, Sorrento, Bella Italia.
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