Sentilo Blumenau November 2013 (1)

Sonntage sind so eine Sache. Ich weiß, was Morrissey meint, wenn er meint: “Everyday is like Sunday/ Everyday is silent and grey”, da kann es 32 Grad im Schatten haben. Sonntage – früher war die Lindenstraße die letzte Bastion vor der schrecklichen Woche, die unweigerlich nahte, dann wurde die Lindenstraße scheiße und der Tatort übernahm. Jetzt taugt auch der Tatort nichts mehr.

Doch gibt es sonntags nicht immerhin noch den Fußball? Gegenfrage: Was bedeutet uns der Fußball denn eigentlich noch? Arenen statt Stadien, Klatschpappen statt Stimmbändern; Frisuren, Wappen küssen, einstudierter Jubel. Ich jedenfalls komme da schon seit geraumer Zeit nicht mehr so richtig mit. Aus diesem Grund habe ich irgendwann beschlossen, dass ich alle Grounds der Kreisliga München besuchen werde.

Und angefangen hat das alles mit dem FC Wacker. Vor Jahren saß ich an einem dieser heißen, grauen Sonntage auf einer Parkbank, am Kidlerplatz in Sendling, und nahm deutliche Anzeichen eines Fußballspiels, gar eines Fußballturniers wahr. Ich folgte meiner Nase, hatte jedoch das meiste verpasst (außer der Siegerehrung und der anschließenden Feier). Aber: Was für ein Ground! Ich beschloss, dass ich dringend irgendwann einmal einem Ligaspiel beiwohnen musste, dort, wo Wacker schon spielte, als es noch die drittstärkste Kraft im Münchner Fußball war. Doch dann kam dies und das und ich war zu müde oder musste arbeiten oder St. Pauli spielte oder ich hatte Besuch oder Geburtstag oder beides, und dann, als ich es endlich einmal hingeschafft hatte, war der Rasenplatz gesperrt und ich musste mit dem Kunstrasen nebenan vorlieb nehmen. Letzten September dann hatten der toolmaker (mein Bruder im Geiste) und ich mehr Glück: Der zuständige Beamte im Sportreferat hatte trotz leichten Regens den entzückenden Hauptplatz mit seinem kleinen Sitzplatzbereich und den ansonsten durchgehend dreistufig angelegten Stehplätzen freigegeben. Wie schön es war! Es gab Getränke im Glas; man konnte das Spielfeld komplett umrunden; der Eintritt wurde irgendwann im Laufe des Spiels dort kassiert, wo man gerade stand; kein einziger Polizist war zu sehen; wir waren die einzigen Unbekannten vor Ort und trotzdem gern gesehen. Die Spieler waren nicht weniger ehrgeizig als jene in der sechsten, dritten oder ersten Liga; es war spannend wie jedes Spiel in welchem Wettbewerb auch immer, denn dazu man muss beim Fußballschauen nur einen einzigen Kniff anwenden: Sich vor dem Spiel für ein Team entscheiden und diesem während der 90 Minuten bedingungslos zur Seite stehen. Der Freude über die Umstände konnte auch die 2:3-Niederlage des FC Wacker nichts anhaben. Wir hatten Geschmack gefunden und beschlossen, dabei zu bleiben – Gegenden zu entdecken, in die wir sonst nie freiwillig gefahren wären, uns bisher unbekannte Vereine gut oder schlecht zu finden, uns bisher unbekannten Vereinslokalen einem höchst subjektiven Bewertungssystem zu unterziehen, ebendort Pokale, Mannschaftsfotos und Zeitungsausschnitte aus den 1970er Jahren zu begutachten; dabei zu sein in der Hoffnung, rasante, spannende und torreiche Spiele zu erleben oder zumindest mal ein Luftloch, einen Torwartfehler, einen missglückten Übersteiger, und nicht zuletzt, um Spielausfälle zu bestätigen – kurzum: Einfach da zu sein mit dem Gefühl, endlich etwas Sinnvolles für den Sonntag Nachmittag gefunden zu haben.

Bemerkenswertes aus der Hinrunde:
Der Beamte aus dem Sportreferat, der für die Bezirkssportanlagen in Sendling zuständig ist, ist offenbar stark schwankend in seinen Entscheidungen. Zwei Wochen nach unserem Besuch bei Wacker war der Rasenplatz der BSA an der Siegenburger Straße (auch sehr schön!) trotz ähnlicher Witterungsbedingungen leider gesperrt. Auf dem Kunstrasengelände neben dem Westpark trotzte der BSC Sendling dem favorisierten ESV München ein Unentschieden ab, zur Zerstreuung konnte man in der Halbzeitpause beim Lacrosse oder beim Feldhockey zuschauen. Beides keine Alternativen zum Fußball.

BSA an der Siegenburger StraßeBSC Sendling September 2013 (2)BSC Sendling September 2013 (1)BSC Sendling September 2013 (3)

Einige Wochen später, beim SV Laim, gab es an der Entscheidung, den Hauptplatz zu sperren, nichts zu rütteln. Ein Sauwetter war’s. Die Schiedsrichterin wollte erst auf dem Grandplatz nebenan spielen lassen und ließ die Pfützen auskehren, die sich aber prompt wieder bildeten. Es hatte einfach keinen Sinn. Wir sahen stattdessen beim Italiener in der Vereinsgaststätte dabei zu, wie Sechzig gegen Dresden verlor, und fuhren dann weiter zur DJK Pasing. Da war das Wetter auch nicht viel besser – weniger Regen, dafür mehr Wind –, aber es wurde gespielt. Wieder war der FC Wacker mit von der Partie und wieder setzte es eine verdiente Niederlage. Bessere Noten als an die Sendlinger konnten wir an die Vereinsgaststätte (‚Da Wirtshauser‘) verteilen – Augustiner vom Fass und hervorragende Käsesemmeln! Hier würde sich auch in der fußballfreien Zeit ein Besuch lohnen, wenn die Kneipe nicht ausgerechnet in Pasing liegen würde.

Am nächsten Spieltag war Hadern an der Reihe. Der SV Sentilo Blumenau entstand aus der Fusion des FC Sentilo 72 – Sentilo war der Gründer von Sendling – mit dem FCN Blumenau und bezeichnet sich folgerichtig als „Haderns große Liebe“. Wenn dem so ist, dann ist das aber eine ausgesprochene Schönwetterliebe, denn an jenem Sonntag Nachmittag waren wir die einzigen neutralen Zuschauer, und wir sind beide noch nicht einmal aus Hadern. Und wenn ich oben schrieb, dass in Laim und Pasing die Woche vorher ein Sauwetter war, dann war das in Hadern aber ein richtiges Sauwetter! Dieser Umstand, kombiniert mit ungeeigneter Kleidung, führte zu meiner vorzeitigen Kapitulation: Ich saß zur Halbzeit in der Vereinskneipe (auch hier: Gute Käsesemmeln!) und wollte mich einfach nicht noch einmal 45 Minuten lang vollregnen lassen. Der toolmaker hielt durch und berichtete mir abends, was ich verpasst hatte: Die Heimmannschaft, der unsere Sympathien galten, weil sie die schönste Trikots der Vorrunde ihr Eigen nennen konnte (ein schönes Dunkelblau und ein schönes Senfgelb in schön breiten Längsstreifen), verwandelte einen 0:1-Rückstand in einen 3:1-Sieg, wobei die Gäste vom SV Herakles noch einen Lattentreffer und einen verschossenen Elfmeter zu verzeichnen hatten. Herrlich! Und die gerechte Strafe für meinen vorzeitigen Abgang.

Sentilo Blumenau November 2013 (2)Sentilo Blumenau November 2013 (3)

Am Sonntag darauf standen die Zeichen demzufolge auf Wiedergutmachung. Wieder Hadern, aber woanders: Wacker spielte beim FC Neuhadern an der Bezirkssportanlage Kleinhadern, auf hübsch gelegener Roter Erde zwischen Wohnblocks und Autobahn. Weniger hübsch anzusehen war die erneute Niederlage der Blausterne aus Sendling (0:4), die das Spiel zwar lange Zeit offen hielten, aber nie das Gefühl vermittelten, dass sie auch einmal ein Tor erzielen könnten. Die Gaststätte konnte da wieder einmal mehr überzeugen, gemütlich war’s hinterher. Komplikationen bei der Getränkeverteilung sind immer drin, und, wenn sie so charmant gelöst werden wie hier, dann möchte ich immer Komplikationen bei der Getränkeausgabe! Und das Schnitzel war gut, wenn man dem toolmaker Glauben schenken kann, was ich uneingeschränkt tue.

FC Neuhadern November 2013 (2)FC Neuhadern November 2013 (3)FC Neuhadern November 2013 (1)
BSA Kleinhadern

Für Wacker wird es schwer dieses Jahr, acht Punkte zur Winterpause mit sieben Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz lassen nicht allzu viel Hoffnung für die Rückrunde. Wenn man Fußball allein auf den sportlichen Erfolg reduziert. Doch dazu sind wir inzwischen zu schlau.

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P.S.: Nur noch neun:
FC Hertha – Höglwörther Straße 219 (Obersendling)//
ESV – Margarethe-Danzi-Str. 21 (Nymphenburg)//
Viktoria – Wackersbergerstr. 49 (Untersendling)//
MTV – Werdenfelsstraße 70 (Obersendling)//
TSV Gräfelfing – Hubert-Reißner-Straße 42//
SpVgg Thalkirchen Freundschaft – Thalkirchner Str. 209//
Herakles – Meyerbeerstraße 115 (Obermenzing)//
SV Planegg-Krailing II – Hofmarkstraße 51//
SV München-Laim – Riegerhofstr. 20

Auf weitere schöne grün-graue Sonntage!

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alteheide

Kreisliga 2 München Süd
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