Chorley FC – AFC Fylde 1:3
Victory Park Stadium Chorley, 1. Januar 2017
Zuschauer: 3.128

England, Fußball am Neujahrstag.

Wir waren sowieso auf dem Weg von Burnley nach Blackpool und mussten auf halber Strecke nur einmal kurz links abbiegen, um zum Match zwischen Chorley und dem AFC Fylde zu gelangen – ein Nachbarschaftsduell um die Tabellenspitze der National League North, das unsere Anwesenheit dringend erforderlich machte, da gab es nicht viel nachzudenken, oder, wie englische Busfahrer es ausdrücken würden: Ein echter no-brainer war das. Sogar unsere Freunde in Burnley gaben uns ihren Segen, this one should be interesting, das ist Lancashire-Understatement und heißt in etwa: Super, da müsst Ihr hin.

Und sie hatten recht.

Wir sprechen hier über die sechste Liga und wir sprechen über eine Kleinstadt nordwestlich von Manchester, irgendwo zwischen Wigan, Blackburn, Preston und Bolton gelegen. Wir sprechen über gut 3.000 Besucher, über Feiertagsstimmung im Victory Park Social Club und im Stadion, wo sich die Zuschauer überall dort eingefunden hatten, wo es Platz gab: Auf der Haupttribüne, stehend unten, sitzend oben, auf den beiden unorthodoxen Stehplatztribünen hinter den Toren, auf der Längsseite, an die Platzumrandung gelehnt oder an die Werbebanden auf dem Graswall. Wir sprechen hier, Sie können es hoffentlich schon herauslesen, über einen wahren Topground, dessen Äußeres im Zusammenspiel mit dem leuchtend blauen Himmel und der hinter den Sitzplätzen untergehenden Sonne zu etwas wurde, was meiner Vorstellung eines englischen Fußballidylls schon sehr nahe kam.

Wir sprechen über einen Tag, der sich auch 1959 zugetragen haben könnte. Als die Schlote von Morrisons Kleiderfabrik noch rauchten, die Pies nach etwas schmeckten, Rosetten und Fairness und Labour noch nicht aus der Mode waren und Opa wirklich allerhand hermachte in seinem dunkelgrünen Tweedsakko.

Es war hochromantisch…

    

    

    

    

    

    

    

    

    

    

    

…und eigenartig: In der Halbzeitpause machten sich nicht nur der toolmaker und ich auf (um Fotos zu schießen) – es war auch eine außergewöhnliche Wanderungsbewegung zwischen den beiden Hintertortribünen festzustellen. War mir persönlich neu, ist in England aber in den unteren Ligen wohl gang und gäbe, dass sich die Fanlager jeweils hinter dem Tor platzieren, auf das die eigene Mannschaft spielt. Interessant. Etwas für die Fußballausgabe von Unnützes Wissen.

Wesentlich verzichtbarer noch als diese neu gewonnene Erkenntnis wäre die rund 20-minütige Spielunterbrechung Mitte der zweiten Hälfte gewesen, nach einer Kollision zweier nordenglischer Schädelplatten, die vor allem bei einer Partei ernsthaftere Folgen zu haben schien. „Perhaps he’s dead“, sagte jemand neben uns, nachdem erst einmal minutenlang gar nichts passiert war, plötzlich aber eine gewisse Hektik unter den Helfern ausbrach, immer wieder Offizielle da hin und dort hin sprinteten und der Schiedsrichter schließlich die verbliebenen 21 Akteure in die Kabine schickte, damit nicht auch noch sie sich den Tod holten, denn es war frisch geworden, wir schrieben ja immer noch den 1. Januar. Langsam legte sich eine gespannte Stille über das Stadion, und auch wenn garantiert nicht alle Zuschauer solche Schwarzseher waren wie unser Nebenmann, so war doch einige Erleichterung zu verspüren, als der Verletzte hinausgetragen wurde und die anderen zurückkehrten auf den Rasen. Denn das sprach ja wohl eindeutig gegen die allerschlimmsten Befürchtungen. (Er hatte sich letztlich ‚nur‘ das Nasenbein gebrochen. Und sich diverse andere Gesichtsknochen ein bisschen gequetscht. Und beim Abtransport auch noch Gelb gesehen, der Unglückliche.)

Das Intermezzo ließ es für uns zeitlich etwas eng werden, Züge nehmen schließlich keine Rücksicht auf Verletzungspausen. Bei Wiederaufnahme des Spiels stand es 2:1 für die Gäste, und obgleich Chorley alles nach vorne warf, lag der Ausgleich nun nicht mehr in der Luft. Zu konfus gingen es die Gastgeber an – kein Wunder nach dem beunruhigenden Geschehen rund um ihren Kollegen. Es passierte dann auch genau das, was in solchen Situationen oft passiert: Die Gastmannschaft machte den Sack zu. Mit einem Kontertor, das wir allerdings gar nicht mehr mitbekamen, weil wir uns in der 90+18. Minute schon auf dem Weg zurück zum Bahnhof befanden.

So ging ein wahrlich traumhafter Nachmittag doch recht profan zu Ende, was zwar bedauerlich war, vielleicht aber auch gar nicht schlecht. Denn Romantik und Realität passen meist nicht sehr gut zusammen, und ein kleiner Dämpfer tut jedem gut, der gedanklich hoch fliegt, während er nach Blackpool fährt.

 

1959
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4 Gedanken zu „1959

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