Der Regionalzug war recht voll, also wurde es wieder einmal das Fahrradabteil. Die guten Klappsitze. Gefahr, dass ein Radler unsere Plätze für sein Gefährt beanspruchte, bestand nicht. Es war zu kalt zum Fahrradfahren.

Es stand an: der 17. Bundesligaspieltag. Es spielte der 1. FC Nürnberg gegen den FC St. Pauli. Man schrieb den 15. Dezember 2001.

Wir – die zukünftigen casigordo, ghostwriter, alteheide – waren gut vorbereitet auf die zu erwartenden Temperaturen. Eine Thermoskanne mit Grog hatten wir im Gepäck und der ghostwriter sogar eine Styroporplatte, auf der er im Stadion zu stehen gedachte. Seltsam, dachte ich mir, was für ein Vogel.

Uns gegenüber saß der zukünftige libero. Auch er wirkte irgendwie sonderbar. Damals kannte ich ihn ja noch nicht – genauso wenig wie den Menschen, der sich kurz vor der Abfahrt noch Zutritt zum Zug verschaffte, einen Schalke-Schal trug und den Sitz neben mir in Beschlag nahm. Der zukünftige philantrop hatte die Szenerie betreten. Eigenartig fand ich auch ihn: Wie er sogleich anfing, Fragen zu stellen, Fragen über Fußball und Fantum und wer und was und wer mit wem, um dann, damit gleich gar keine Missverständnisse aufkommen, die Ansage hinterherzuschieben: I moochnan Glubb. Es war ein beschleunigter Kennenlernprozess im Dreieck, wo alles Unwichtige von Beginn an überhaupt keine Rolle spielte, weil man sofort alles Wichtige thematisierte und das war der Fußball. (Die Musik und der ganze Rest kamen dann irgendwann, im Laufe der Zeit.)

Eine angenehme, entspannte, anregende Fahrt war das. Wie so oft konnte das Spiel, ein 0:0 der unattraktiven Sorte, mit der Reise nicht mithalten. Was den Stadionbesuch selbst betrifft, so kann ich mich nur an die schneidende Kälte erinnern und wie es mich an den Füßen gefroren hat und wie ich den zukünftigen ghostwriter beneidet habe. Schon seltsam, dachte ich, aber auch ganz schön clever, das mit dem Styropor.

Und der zukünftige libero, der mit uns im Block stand, und der zukünftige philantrop, den wir am Bahnsteig wieder trafen: Schon auch seltsam, die zwei, und eigenartig, auf alle Fälle ganz schöne Vögel und auf alle Fälle ganz schön interessant: Angemessen fanatisch, herrlich voreingenommen, auf humorvolle Weise hasserfüllt. Und sie trinken gerne Bier, dachte ich mir, das ist gut.

So führte unser Weg nach Rückkunft in München dann auch in des liberos Studentenwohnheim, wo wir weiterredeten, kickerten, lachten, fraternisierten, rauchten und tranken und am Ende eines langen Tages doch die Geistesgegenwart besaßen, Nummern auszutauschen und uns nie mehr zu verlieren.

Symbolbild

Liebe idiotensportler, oben genannte und später dazugestoßene:
Danke für 15 Jahre Freundschaft!

 

Seltsam, aber schon auch gut
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5 Gedanken zu „Seltsam, aber schon auch gut

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