Am Abend vorher hatte Bayern Hof noch mit 3:2 beim SC 04 Schwabach verloren, trotz Rudi Collins. Der Regen war so stark, dass sie uns auch ohne Sitzplatzkarte auf die Tribüne ließen.

Samstag früh sind wir dann losgefahren, zu fünft, um den 1. FC Nürnberg auf Schalke spielen zu sehen. Die Arena fanden wir scheiße, im Schalker Block selbst war‘s auch nicht so toll, und in der Schlussminute hat der Club auch noch den Ausgleich kassiert. Das Konzert am Abend in Mülheim/Ruhr haben wir sausen lassen, die Gruppe war gespalten in jene in Trink- und jene in Schlaflaune. So standen wir herum wie gelähmt, es war frisch draußen vor der Trinkhalle und die Luft war raus.

Und dann rettete eine Idee den Abend. Ob es Volkers war oder die meine weiß ich nicht mehr, jedenfalls fing der Trip jetzt erst richtig an.

So ließen wir uns von den anderen zunächst am Mülheimer Bahnhof absetzen. Da haben wir beinahe was auf die Schnauze gekriegt, obwohl wir lediglich nach einem Ticketschalter gefragt hatten. Das muss so um halb zwölf Uhr in der Nacht gewesen sein. Nun ja, jedenfalls sind wir wenig später dann doch heil in Düsseldorf angekommen, wo wir erst einmal einen mehrstündigen Aufenthalt überleben mussten. Es war inzwischen nicht mehr nur frisch, der Wind war stärker und um einiges kälter geworden. Am Rheinufer wurde eine Biathlonpiste präpariert, wir rauchten dazu, was das Zeug hielt. Und dann fing die Uhr an der Promenade an durchzudrehen, was wir so lange höchst amüsant fanden, bis wir realisierten, dass just in dieser Nacht die Uhren um eine Stunde zurückgestellt wurden. Eine weitere ungemütliche Stunde. So viel Glück muss man erst einmal haben.

Aber wir schafften es tatsächlich, nicht zu erfrieren, und irgendwann stand in Düsseldorf Hbf sogar ein Zug bereit, der uns nach Münster(Westf)Hbf brachte, von wo aus wir nach Leer(Ostfriesl), von wo aus wir nach Bremen Hbf, von wo aus wir nach Hamburg Hbf, von wo aus wir nach St. Pauli gelangten. Weil: Es wurde gespielt am Millerntor. Und das schlecht, wie sehr oft in jener Saison. 0:0 gegen Eintracht Trier. Aus dem böigen Wind war inzwischen ein Sturm geworden.

Das Guten-Abend-Ticket, auf das wir für die Rückfahrt gesetzt hatten, war ausverkauft, doch bekamen wir noch einen Platz im Nachtzug nach Wien mit Halt in Nürnberg, von wo aus es mit Dusan Petkovic – so hieß Volkers Corsa – zurück nach München gehen sollte. Selbstverständlich verschliefen wir den Ausstieg. Wir beschlossen daraufhin, wach zu bleiben, was aber misslang. In Regensburg hörten wir noch den Schaffner zur Abfahrt pfeifen, rafften unsere Sachen zusammen und retteten uns in letzter Sekunde auf den Bahnsteig. Knapp, aber verdient gewonnen, würde man beim Fußball sagen. Und so fühlten wir uns auch.

Zumindest so lange, bis sich herausstellte, dass einer von vier Schuhen es vorgezogen hatte, die Reise nach Wien-West fortzusetzen.

Ein denkwürdiger Ausflug hatte einen (man möchte sagen: angemessen) absurden Abschluss gefunden. Den einbeinigen, humpelnden Volker über den Regensburger, den Landshuter und den Münchner Hauptbahnhof zu begleiten, immer darauf bedacht, den Schuhverlust möglichst elegant zu kaschieren, das sind Erinnerungen für die Ewigkeit. Wie so vieles andere, was man nur mit ihm erleben konnte.

Heute vor fünf Jahren ist Volker gestorben.

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Ich vermisse Dich, mein Freund.

 

 

Fünfundsiebzigprozentiger Erfolg
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Ein Gedanke zu „Fünfundsiebzigprozentiger Erfolg

  • In der aktuellen Ausgabe vom Hefdla, einem wunderbaren Old-School-Glubb-Fanzine, ist ein Nachruf auf Volker und einige seiner Berichte für unsere Seite abgedruckt, u.a. dieser hier. Wer noch ein Exemplar ergattern will, schreibe an hefdla@hotmail.de. Unbedingt empfehlenswert!

    Hefdla N° 15

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