Hohe Warte

First Vienna FC – SK Rapid Am. 2:1
Wien, Stadion Hohe Warte, 17. Oktober 2014
Zuschauer: 850

Dies könnte eine Bildergeschichte über eines der schönsten und schönstgelegenen Stadien werden, das ich je gesehen habe, dies könnte eine Beschreibung des Spiels und des Drumherums werden oder der Versuch einer Nacherzählung der sich im Laufe des Abends überschlagenden Ereignisse. Doch egal, was es wird, es reicht nicht annähernd an das heran, was dieser Abend wirklich war.

Deshalb halten wir es schlicht. Der Platz in Döbling ist die Heimstätte des ältesten Fußballvereins Österreichs, der First Vienna von 1894, und war vor langer Zeit das größte Stadion Europas. In den 1920er Jahren pilgerten bis zu 80.000 Menschen in den Wiener Norden, um die in einen Hügel – die Hohe Warte – eingelassenen Stehplätze zu bevölkern. Im Laufe der Jahrzehnte allerdings sank der Stern der Vienna. Die Natur holte sich den Abhang zurück, überwucherte die eingelassenen Traversen und sorgte so für einen drastischen Kapazitätsrückgang des Stadions, was aber nicht so sehr ins Gewicht fiel, da das Zuschauerinteresse in gleichem Maße schrumpfte. Nach dem letztjährigen Abstieg aus der Ersten Liga (der zweithöchsten Spielklasse Österreichs) spielt die Vienna nun in der Regionalliga Ost und konnte an diesem trocken-kalten Freitagabend lediglich 850 Zuseher begrüßen.
Doch die mussten ihr Kommen nicht bereuen. Die erste Halbzeit gegen die Zweitvertretung aus Hütteldorf verlief ausgeglichen, es gab Chancen hüben und drüben, die Vienna spielte jedoch nicht zwingend genug. Folgerichtig verabschiedete der Anhang der Blau-Gelben die Mannschaft mit einem gut gemeinten Ratschlag in die Pause: „In der Kabine Amphetamine!“ schallte es aus dem Stehplatzsektor am Rande der Tribüne. Recht so! Überhaupt erwiesen sich die Fans als völlig korrekter Haufen, supported wurde vorwiegend britisch, durchgehend in guter Lautstärke und ohne Schmähungen des Gegners. Ihr Engagement gegen Diskriminierung und für Offenheit scheint weit mehr als nur ein Lippenbekenntnis zu sein. Großartig!
Der Empfehlung, gewisse Substanzen zum Zwecke der Leistungssteigerung einzunehmen, kamen die Döblinger Spieler jedoch nicht nach – so hatte es nach Wiederanpfiff zumindest den Anschein –, denn das Kräfteverhältnis verschob sich eher in Richtung Grün-Weiß. Folgerichtig fiel in der 71. Minute der Führungstreffer für den Rapid-Nachwuchs. Aber dann! Ja, dann legte die Vienna einen tollen Schlussspurt hin und drehte das Spiel noch durch zwei Tore nach Standards, in der 81. und der 91. Minute. Vienna-Trainer Hans Slunecko zeigte sich begeistert von seiner Mannschaft und diktierte den Journalisten nachher in den Notizblock: „Wir sind ein mörderisches Tempo gegangen, wir hätten noch eine dritte Hälfte spielen können!“ Ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig Fans für einen Verein sind…

Hinterher wurde kräftig gefeiert, im Tennisheim der Vienna stand das Oktoberfest an. Obwohl wir froh waren, dass das unsere vorbei ist, gingen wir hin, und wir wurden nicht enttäuscht. Es gab Bier und es gab eine gute Coverband und Euphorie und ‚Yellow Submarine‘ und es gab sehr nette Leute kennenzulernen und mir wurden ein paar Gurkerl verpasst und ein paar Lektionen Walzertanzen auch; und als wir nachts um drei im Bett lagen, hatten wir uns schon längst in die Vienna verliebt – und der Tee, den ich gerade trinke, schmeckt aus meiner Pitschn mit dem Wappen des First Vienna Footballclub 1894 auch doppelt so gut wie vorher.

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Und jetzt: Die Bilder. Hinweis an alle Romantiker: Nicht anschauen.

Von oben

NaturarenaSchon gutEckfahneHintertorNatur pur

SupportGezuendel

Natur

Soul CrewHate RacismFlüsterfuchsAntifa

FarbenBandeEingang

FlutlichtAufgangGrosse Stadt

TorEndstandFirst Vienna Footballclub 1894

Panorama_3

Panorama_1

Panorama_2

 

 

In der Kabine Amphetamine!
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